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Jul
15

Dreieinhalb Monate als Vertretungslehrer

Nach vielen Jahren Lehre mit Uni-Studenten und Beschäftigung mit Bildungsfragen hatte ich in diesem Jahr die Gelegenheit, die gesammelten Erfahrungen und Ideen an einer Berliner Schule zu testen. Als Ver­tretungslehrer für Politik, Geschichte, Englisch und Spanisch habe ich dreieinhalb Monate an einem Kolleg gearbeitet – quasi eine Vollzeit-Oberstufe für den zweiten Bildungsweg. Eine kurze Zeit, eine etwas beson­dere Schulart, aber ein paar Lehren kann man doch dafür daraus ziehen, was in Schule und Bildung anders werden muß.

Das Spektrum der Erfahrungen reicht dabei von angenehmen Überraschungen über seltsame Begeben­heiten bis zu Dingen, die mich wütend machen. Um Lesbarkeit und Kürze willen folgen drei einschlägige Beispiele für diese Erfahrungen.

The Good

Einer der ersten Eindrücke, die man von einer Gruppe bekommt, ist der einer bestimmten internen Hierar­chie: es gibt die „Streber“, die viele Antworten parat, aber keinen besonders guten Ruf haben; die „Zurück­haltenden“, die seltener in Erscheinung treten und wenn, dann meist mit vorsichtigen Fragen; und die „Hoffnungslosen“, die entweder nur ihre Unwissenheit zu Protokoll geben oder mit ihr kokettieren.

Einer der zweiten Eindrücke, die man bekommt, wenn man dann ausgewählten Kandidaten aus den einzel­nen Untergruppen ein bißchen Zeit gibt, sich mit einem Problem zu beschäftigen, ist dieser: Diese scheinbar so stabilen und allgegenwärtigen Untergruppen sind nichts weiter als ein Artefakt einer mehr oder weniger bewußt herbeigeführten Situation. Mit echten Problemen konfrontiert, sehen die „Streber“, daß ihre pauscha­len Antworten nicht wirklich auf die konkreten Fragen passen; die „Zurückhaltenden“ sehen ihre Unsicherheit auf einmal in realen Fragen widergespiegelt und damit ernstgenommen; und die „Hoffnungs­losen“ sehen (eventuell zum ersten Mal), daß sie nicht nur einen Zugang zum gerade behandelten Fach finden, sondern etwas verstehen und beitragen können.

Die Situation, die die Schüler zu Klischees werden läßt (an die sie dann auch noch selbst glauben), ist relativ einfach gefunden: Ist der Lehrer die Quelle „richtigen“ „Wissens“ und sind die Schüler dazu da, dieses Wissen aufzunehmen und (bestenfalls neu verpackt) wiederzugeben, stellt sich die Hierarchie ganz von selbst ein. Geht es dagegen um lernen, verstehen und verständlich machen, lösen sich diese Scheinkatego­rien auf wie eine Fata Morgana, der man zunahekommt. Auf einmal bekommt man von allen etwas, das der gesamten Gruppe nützt – gute Ideen, Erklärungen, anregende und weiterführende Fragen.

Wer Potential in Schülern vermutet und aktiv sucht, der findet auch welches.

The Bad

Wer Schülern das Du nicht nur anbietet, sondern es schon fast einfordert, ist seltsam. Kann man denn dann noch eine professionelle Distanz zu seinen Schülern wahren? Außerdem geht das doch nicht, wenn sich alle anderen an das Sie halten, oder?

Ich fürchte, die Antworten darauf sind ganz einfach. Die angesprochene Distanz ist unprofessionell. Und seit wann halten wir keine Vielfalt mehr aus?

Das Siezen beinhalten nicht nur eine gewisse Distanz, sondern impliziert im Schulumfeld gerade auch eine Hierarchie, die auch in einem Kolleg mit Erwachsenen nicht wegfällt, da dort die Schüler dann mit Vornamen gesiezt werden – der Lehrer aber mit dem Nachnamen. Wenn man klarmachen möchte, daß eine Hierarchie zwischen Lehrern und Schülern nicht pauschal und unhinterfragt angenommen werden sollte, dann ist das Duzen ein erstaunlich effektiver Weg, diverse Augen zu öffnen.

Zusammenarbeiten ist das Ziel beim Lernen – künstliche Barrieren, die das Ernstnehmen und In-andere-Hineindenken erschweren, haben hier nichts zu suchen.

The Ugly

Wenn ich es nicht vorher schon geahnt hätte, wüßte ich es jetzt: Noten sind der Feind von Lernen und Bildung.

Noten fördern Wettbewerbsdenken. Aller Schüler Gedanken kreisen um diese Fragen: Habe ich in der Klausur eine bessere Note bekommen als Person X? Ist meine Zeugnisnote gerecht, obwohl jemand anders mit dieser Note viel weniger getan hat? Bekomme ich gut genuge Noten, um in Studiengang Y hinein­zukommen? Kann ich hier oder da nicht noch einen Punkt mehr erfeilschen? Die Frage „Was habe ich eigentlich gelernt, und kann ich damit zufrieden sein?“ taucht so gut wie nie mehr auf. Was mehr als traurig ist für die einzige Frage, die letztlich zählt.

Noten fördern Selbstzufriedenheit. Manche sind mit einer 4 zufrieden, weil sie sich auch selbt nicht mehr zutrauen; andere mit einer 2, weil sie zwar gut sein wollen, aber nicht glauben, genug Talent in dem Fach zu haben, als daß es für eine 1 reicht; und wer eine 1 hat, hat eh alles erreicht, was zählt – warum darüber hinaus noch anstrengen? Und was hieße das überhaupt: „darüber hinaus“? Die Notenskala ist erschöpft, mehr interessiert die Schule von System wegen nicht.

Noten förden das Abstempeln von Schülern. „Der kann wirklich keine Physik.“ Ein Satz, der leider viel zu häufig vorkommt, und dessentwegen man sich als Lehrer in Grund und Boden schämen müßte. Wer Augen hat zu sehen, der sieht, wo er nur hinschaut, Leute, die bis zu einem bestimmten Zeitpunkt sogar selbst dachten, sie hätten für irgendetwas weder Interesse noch Begabung – bis ihnen jemand oder etwas die Augen öffnet. Wieviel einfacher ist es da, die Verantwortung für den (mangelnden) Lernfortschritt kurzerhand auf den Schüler – schlimmer noch: dessen Begabung – abzuwälzen, wenn der einem eindimensionalen und notwendigerweise sehr subjektiv bewerteten Maßstab nicht gerecht wird? Eine Lösung, die einem sagt: Da kann man nichts machen, ist per Definition keine Lösung. Sie ist dafür aber gefährlich, weil man sich schnell selbst einen Persilschein ausstellen kann, bevor man ernsthaft überprüft hat, ob man nicht vielleicht Unrecht hat.

Noten sind die größte Perversion des Bildungssystems und fördern darüber hinaus auch noch so gut wie alle kleineren Perversionen.

Fazit

Für mich sticht ein Begriff so klar wie kein anderer aus jeglicher Betrachtung von Bildung heraus: Potential. Unsere Schüler und Studenten (und erst recht unsere Kinder) haben um Größenordnungen mehr davon, als wir typischerweise glauben. Und statt es zu suchen und zu fördern, verschütten wir es und legen ihm Steine in den Weg – man ist versucht zu sagen: wo wir nur können.

Es wird dringend Zeit, daß in unserer Bildung mehr Freiheit ausgelebt wird. Unsere Schüler, Studenten und Kinder sehnen sich danach – und wir sind es ihnen schuldig.

2 comments

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  1. Carmen Siller says:

    Bekanntermaßen hat jeder eine Meinung zum Thema Schule, weil jeder diverse solche besucht hat. Natürlich hat sich in 30 Jahren einiges geändert. Und natürlich gibt es Unterschiede zwischen den Bildungssystemen verschiedener Ländern.

    Jahrelang habe ich das Thema Schule nur mehr aus der Ferne und vom Rande mitbekommen, um dann in den letzten Jahren immer mal wieder interessante Diskussionen mit Lehrern im Verwandten- und Freundeskreis zu führen.

    Inzwischen befasse ich mich – auf der Suche nach einer Grundschule (bzw. hie rin Österreich Volksschule) für unsere Tochter – verstärkt mit dem Thema. Diese Schule soll ihr vor allem die Neugierde, die Wissbegierde und die Freude am Lernen – nicht vermitteln, sondern einfach nur erhalten.

    Die im Text beschriebenen Eindrücke “interner Hierarchien” kann ich aus meiner Erinnerung nur bestätigen. Das es sie heutzutage offensichtlich immer noch gibt, finde ich sehr schade. Solche Rollenzuschreibungen (durch Lehrer, Mitschüler, aber auch Eltern) beeinflussen die Persönlichkeit von Kindern massiv. Wahrscheinlich wären jede Menge späterer Therapien bei Erwachsenen überflüssig, wenn während der Schulzeit mehr Offenheit gelebt würde, das Potential der Schüler gesehen und auch gefördert würde.

    Schulnoten stand ich bis vor kurzem nicht ablehnend gegenüber. Inzwischen sehe ich die Sache anders. Vor einem halben Jahr erzählte meine Schwägerin, ihre 8jährige Tochter in der 3. Klasse Volksschule habe eine dicke Mappe mit verschiedenen Themen in Sachkunde, die alle gleichzeitig in einem Test abgefragt werden. Es handelte sich um Fragen mit den dazu “passenden” Angworten. Dankenswerterweise habe die Lehrerin die Fragen angekreuzt, die unbedingt zu beantworten seien. Da für den Übertritt ins Gymnasium mehrere Zweien im Zeugnis schon eine Hürde darstellen, ist dies als Hilfe für die Kinder gedacht und wird von den Eltern auch dankbar so verstanden. So lernen aber schon Drittklässler nur für die Note gewisse Dinge auswendig! Das kann doch nicht Sinn und Zweck sein!

    Zur Zeugnisverteilung vor zwei Wochen erzählte eine Freundin mit Tochter in der 1. Klasse Volksschule (selbst im finnischen Schulsystem sozialisiert …), dass ihr die Lehrerin erklärt habe, wenn sie den Kindern keine Noten, sondern eine verbale Rückmeldung gebe, forderten diese selbst die Noten ein, um sich vergleichen zu können. Wie bitte kommen Kinder in dem Alter auf so etwas, wenn es ihnen nicht von Erwachsenen vermittelt wird?

    1. PeterM says:

      Das sind ein paar wichtige Punkte. Daß man mit dem Bestärken der Hierarchien Persönlich­keiten (ver)formt, ist leider nur zu wahr. Deswegen sind viele auch wirklich unglücklich in der Schule und haben nie den Eindruck, daß sie sich entfalten können.

      Noten und das Auswendiglernen stehen leider in einem engen Zusammenhang – umso mehr, als wir standardisierte Tests verweden, auf die dann „gelernt“ werden kann. Wie zerstörerisch diese Ideen sind, sieht man in den USA.

      Und das Vergleichen fängt doch mit den Eltern an, die für ihre Kinder immer mehr vor­schulische Aktivitäten und „Ausbildung“ wollen, damit sie besser sind als die anderen, damit sie sicherer den Platz in der tolleren Schule bekommen, damit sie nen Vorsprung im evo­lutionären Rennen haben. Es ist pervers, aber da fängt es schon an. Um Kindergartenplätze wird sich beworben. (Sehr guter TED-Vortrag von Ken Robinson dazu.) Und dann wundern wir uns, daß Kinder nicht wissen, wer sie sind und was sie wollen und können – nur ob sie „besser“ sind als andere.

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