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May
16

Journalismus in einer offenen Gesellschaft

Der Kollege Daniel Bröckerhoff hat gerade eine sehr berechtigte Frage gestellt, die speziell für Journalisten und generell für das Nachdenken über eine offene Gesellschaft von Interesse ist:

Die Frage erinnert mich an eine Diskussion die wir (sowohl Journalisten generell als auch lustigerweise DB und ich) vor anderthalb Jahren schon einmal um einen ganz ähnlichen Punkt geführt haben. Damals ging es um die Frage, ob Glenn Greenwald denn eigentlich noch Journalist sei oder schon „Aktivist“. Auch das ist eine Frage nach „Haltung“, und auch damals hatte niemand eine ernsthafte Definition von „Aktivist“.

Angestoßen wurde die Geschichte damals von der „Zeit“, deren Autoren meinten, Greenwald habe bei einem Auftritt auf dem CCC „eine Grenze überschritten“ und „sich mit Aktivisten gemein gemacht“. Letztere Formu­lierung ist eine Anspielung auf ein Zitat von Hanns Joachim Friedrichs, der gern und häufig als Autorität in journalismusethischen Fragen angeführt wird.

Bedauerlicherweise sind beide Zitate falsch. Daß Greenwald (dessen Aussage, von der ihr gesamter Artikel abhängt, die Autoren es nicht einmal für nötig halten, wörtlich zu zitieren) nicht das gesagt hat, was die „Zeit“ ihm zuschreibt, ist hier nicht weiter relevant. Daß Friedrichs allerdings häufig falsch und so gut wie immer ohne Kontext und daher sinnentstellend zitiert wird, ist hier wichtig. In einem „Spiegel“-Interview 1995 hatte Friedrichs gesagt:

SPIEGEL: Hat es Sie gestört, daß man als Nachrichtenmoderator ständig den Tod präsen­tieren muß?

Friedrichs: Nee, das hat mich nie gestört. Solche Skrupel sind mir fremd. Also, wer das nicht will, wer die Seele der Welt nicht zeigen will, in welcher Form auch immer, der wird als Journalist zeitlebens seine Schwierigkeiten haben. Aber ich hab’ es gemacht, und ich hab’ es fast ohne Bewegung gemacht, weil du das anders nämlich gar nicht machen kannst. Das hab’ ich in meinen fünf Jahren bei der BBC in London gelernt: Distanz halten, sich nicht gemein machen mit einer Sache, auch nicht mit einer guten, nicht in öffentliche Betroffenheit versinken, im Umgang mit Katastrophen cool bleiben, ohne kalt zu sein. Nur so schaffst du es, daß die Zuschauer dir vertrauen, dich zu einem Familienmitglied machen, dich jeden Abend einschalten und dir zuhören.

Sein „gemein machen“ hat also nicht im Entferntesten mit „Aktivismus“ o. ä. zu tun, sondern hier nur mit der Frage, wie man es als Nachrichtenmoderator anstellt, daß einen Geschichten nicht so sehr mitnehmen, daß man seinen Job nicht mehr machen kann. In einem längeren Twitter-Austausch hauptsächlich zwischen DB und mir hat Friedrichs’ Schwiegersohn das ganze noch dahingehend präzisiert, Friedrichs habe es „sogar dann noch mal eingeengt auf parteipolitische Distanz“. Das übliche „Zitat“ („Einen guten Journalisten erkennt man daran, daß er sich nicht gemein macht mit einer Sache“ – wie auch auf der Seite des Hanns-Joachim-Friedrichs-Preises zu finden), ist schlicht falsch. Gute von schlechten Journalisten (oder von „Aktivisten“) zu unterscheiden, war nicht Friedrichs’ Intention – und ihn damit zu „zitieren“, ist mehr als irreführend.

Was hat das jetzt mit „Haltung“ zu tun? Nun, nur weil das Friedrichs-Zitat keines ist (und es sowieso peinlich wäre, seine Meinung auf eine Autorität zu stützen, statt auf Argumente), heißt das ja noch nicht, daß die hinter dem falschen Zitat stehende Idee nicht brauchbar ist. Dummerweise ist diese Idee aber tatsächlich unbrauchbar.

Dazu nur zwei kurze Beispiele, die beide illustrativ für unser Thema sind. Im Zusammenhang mit der Frage, wie es kam, daß die „Washington Post“ beispielsweise Waterboarding nicht mehr als „Folter“ bezeichnet hat, nachdem die US-Regierung die Position eingenommen hatte, daß es keine sei, sagte ein leitender WaPo-Redakteur:

After the use of the term ‘torture’ became contentious, we decided that we wouldn’t use it in our voice to describe waterboarding and other harsh interrogation techniques authorized by the Bush administration.

Daß der Begriff allein dadurch „umstritten“ wurde, daß die Regierung Bush ihn diskreditiert hat, fällt ihm ebensowenig auf wie daß die Entscheidung der WaPo, sich dazu keine unabhängige Position leisten zu wollen, darauf hinausläuft, daß sie sich in dieser Frage auf die Seite der Regierung schlägt. Der damalige Chefredakteur der „New York Times“, Bill Keller, setzte da sogar noch einen drauf und meinte, eine Ent­scheidung dafür, weiter das Wort „Folter“ zu benutzen, hätte bedeutet, daß sich die Zeitung auf die Seite der Gegner der Regierung stellt. Der Impuls, sich „nicht gemein machen“ zu wollen, kann also in der Praxis gerade auf ein solches Gemeinmachen hinauslaufen.

Das Problem hier hat viel damit zu tun, wie man einen anderen in bezug auf Journalismus häufig benutzten Begriff versteht: Objektivität. In einem Gespräch zwischen Greenwald und Keller kommt das ganz gut heraus: Beide verstehen Objektivität als etwas Unerreichbares, in Kellers Worten: „a mythical perfect state of truth.“ Hier stecken gleich zwei Denkfehler drin:

1. Daß etwas objektiv ist, heißt nicht, daß es absolut ist.
2. Nur weil wir individuell subjektiv sind, heißt das nicht, daß uns etwas in einem inter-individuellen (inter-subjektiven) Prozeß Gewonnenes, das wir mit Gewinn „objektiv“ nennen können, verwehrt bleiben muß.

Punkt 1 findet Anwendung in vielen Bereichen: Wenn man darüber spricht, daß es sowas wie eine „objektive Moral“ gibt (wie ich das z. B. hier tue), dann muß das nichts mit einer als absolut verstandenen Moral zu tun haben; ebenso wenn man über „objektives Wissen“ oder „objektive Wahrheit“ spricht, muß das nichts mit einer als absolut verstandenen Wahrheit zu tun haben.

Aber wo ist der Unterschied? In der Regel versteht derjenige, der einen absoluten Wahrheitsbegriff verwen­det, Wahrheit als etwas, das zeitlos und immer gültig ist. In der in der Philosophie vorherrschenden Definition von „Wahrheit“ würde das bedeuten: vollkommene Übereinstimmung einer Aussage mit der Realität. Das Problem ist (kurz gesagt und unter Vernachlässigung einiger philosophisch nicht unwichtiger Punkte): Wir kennen nie alle Fakten. Deswegen könnten wir nie über eine Aussage urteilen, daß sie tatsächlich wahr ist. Es wäre möglich, daß sie es ist, aber das könnten wir nie wissen. (Das war z. B. Poppers Position.) Wahrheit taugt dann nur noch als Ideal, dem man nachstrebt, aber der Möglichkeit der Charakterisierung einer Aus­sage als wahr hat man sich mit dieser Definition dann selbst beraubt – und das ohne Not und ohne Gewinn.

Etwas als objektiv Verstandenes hingegen muß nicht auch absolut sein: Wir können z. B. sagen wollen, daß die Aussage „Die Summe der Innenwinkel eines Dreiecks beträgt im Euklidischen Raum immer 180 Grad“ objektiv wahr ist. Sie ist in keinem hilfreichen Sinne absolut wahr, da sie nur unter der Annahme Euklidischer Geometrie und bestimmter Axiome gilt – aber sie ist in dem Sinne objektiv, daß die Eigenschaften des be­trachteten Objektes sowohl autonom sind als auch in beliebiger sprachlicher Form formuliert werden können, so daß Objekt und dessen Eigenschaften einem kritischen Prozeß zugänglich sind. Und in diesem Prozeß ist es möglich, zu Aussagen zu gelangen, die so weit, wie das Menschen möglich ist, von individueller Subjek­tivität entfernt sind.

Anders gesagt: Uns interessiert, ob Aussagen subjektiv sind (sprich: Bewußtseinszustände wiedergeben, wie z. B. glauben, erinnern, hoffen etc.) oder objektiv (sprich: von Dingen [Objekten] mit autonomen Eigen­schaften handeln sowie von logischen Beziehungen zwischen solchen Dingen und Eigenschaften). Nur in diesem Sinne objektive Aussagen sind einem kritischen Prozeß zugänglich und können Gegenstand frucht­barer öffentlicher Diskussionen sein – also solcher Diskussionen, in denen es um Belange der Gesellschaft geht, nicht bloß um Präferenzen Einzelner.

Damit hätten wir immerhin schon einen der wichtigen Begriffe geklärt, die eingangs problematisiert wurden: „Objektivität“ im hier entwickelten Sinn bedeutet weder, für sich in Anspruch zu nehmen, im Besitz irgend­eines absoluten Wissens zu sein, noch die Abwesenheit von Subjektivität. Objektivität ist dann etwas, das (natürlich) kein Einzelner erreichen, sondern das nur in einem sozialen kritischen Prozeß entstehen kann.

Und die beiden ausstehenden Begriffe lassen sich dann ebenfalls problemlos mit Inhalt füllen. Wenn wir mit „Meinung“ etwas bezeichnen, das über einen willkürlichen subjektiven Bewußtseinszustand hinausgeht, dann hat das, um Respekt zu verdienen, einen qualitativ ganz ähnlichen kritischen Prozeß zu durchlaufen, wie schon John Stuart Mill bemerkte. Insbesondere im Journalismus sollte es diese Art der Meinung sein, die uns vorrangig interessiert.

Es bleibt dann noch der Begriff „Haltung“. Sie ist die Antwort auf die Frage: Warum tun wir eigentlich, was wir hier tun? Welchen Zweck verfolgen wir? Auf diese Frage gibt es keine (absolut) richtige oder falsche Antwort. Aber es gibt Antworten, die (was, wie oben diskutiert, in jedem Bereich gilt) innerhalb eines akzeptierten Rahmens objektiv richtig sind. Was kann also dieser Rahmen sein?

Journalismus findet nicht im luftleeren Raum statt, sondern innerhalb von Gesellschaften. In unserem Fall sogar nicht in einer beliebigen, sondern in einer, die sich selbst als freiheitliche Gesellschaft versteht (ver­stehen will). Die sich als offene Gesellschaft versteht. Diese Idee einer freiheitlichen, offenen Gesellschaft ist aber gerade ein solches Objekt mit autonomen Eigenschaften, aus dessen Beschreibung logisch bestimmte Dinge folgen (wie die Dreieckswinkelsumme), die wir als objektiv wahr betrachten können. Und eine der notwendigen Folgerungen, die aus dem Ziel einer freiheitlichen Gesellschaft ableitbar sind, ist es, daß eine solche Gesellschaft Institutionen benötigt, die kontinuierlich die Mündigkeit ihrer Bürger fördern.

Wir haben bereits eine Institution, deren Aufgabe es sein muß, diese Mündigkeit überhaupt erst einmal her­zustellen: unser Bildungssystem. (Das in dieser Hinsicht fast völlig versagt – und zwar genau deshalb, weil wir uns gesellschaftlich der Zielsetzung, aus der ein solches Bildungsziel folgt, nicht hinreichend klar sind.) Und wir haben ebenfalls bereits eine Institution, die genau richtig positioniert ist, dafür zu sorgen, daß die Bevölkerung nicht aus Bequemlichkeit, Angst etc. den nächstgelegenen Eingang in die Unmündigkeit nutzt. Wir nennen sie „Medien“. Und daß dieser Zusammenhang der Institutionen nicht weit hergeholt ist, hat Lara Setrakian auf der re:publica 2014 treffend auf den Punkt gebracht: „News is adult education.“

Und in beiden Institutionen ist Aufklärung die fundamentale Haltung, zu der sich zu bekennen in einer frei­heitlichen Gesellschaft selbstverständlich sein müßte.

15 comments

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  1. PeterM says:

    Ich gebe mal auch gleich ein konkretes Beispiel dafür, wie diese Ideen anzuwenden wären, indem ich auf eine Diskussion verlinke (darin insbesondere meine Kommentare), die von einem BBC-Interview mit Green­wald angestoßen wurde und auf der Seite des NYU-Journalismus-Profs Jay Rosen stattfand: The BBC’s 16 questions to Glenn Greenwald.

  2. PeterM says:

    Ein weiteres Beispiel: Margaret Sullivan, Public Editor der NYT, schreibt darüber, daß Buchrezensenten eine nicht zu nahe persönliche Beziehung zu dem Autor oder dem Gegenstand des renzensierten Buchs haben sollten:

    The question comes down to: “How is the reader best served?” One element, certainly, is transparency and clear disclosure. …

    Based on my mail, readers watch this subject with an eagle eye, and reasonably so. Per­haps more than Book Review editors, many readers would prefer a neutral reviewer to the “interesting” one who has a strong relationship or involvement.

    What editors may see as compelling expertise, readers may see as bias. That’s something that assigning editors should pay even more attention to as they try to get the balance right.

    Darin stecken drei ganz typische Fehler: 1. Das Ziel „get the balance right“ ist nichts anderes als „nicht zu viel, nicht zu wenig“ – was null Information enthält und damit als Ratschlag komplett sinnfrei ist. 2. Die Ein­stellung gegenüber Autor/Buch ist etwas, das rein auf der subjektiven Ebene spielt; daß eine objektive erreichbar ist, scheint Sullivan nicht einmal bewußt zu sein. 3. Wer glaubt, daß auf der subjektiven Ebene irgendjemand „neutral“ sein könne, lügt sich selbst in die Tasche.

    Und der einzige Ausweg aus der Erkenntnis, daß es nicht möglich ist, sein Bewußtsein von allen Vorurteilen zu säubern (wie das Francis Bacon berühmterweise formulierte), ist es, seine Aussagen in eine objektive, rational kritisierbare Form zu bringen. Auch dann hilft Transparenz, weil es bei jeder Beurteilung immer auch um eine Gewichtung von Faktoren (Fakten, Argumenten) geht. Und warum man diese Gewichtung vor­nimmt, wie man sie vornimmt, muß man dem Publikum so oder so mitteilen, wenn es sich eine unabhängige eigene Meinung bilden können soll – daran kann auch die angeblich mögliche subjektive Neutralität nichts ändern.

  3. Lorenz Lorenz-Meyer says:

    Ich habe immer extreme Bauchschmerzen mit der Begrifflichkeit von Subjektivität und Objektivität. Mir fällt auf Anhieb überhaupt nur eine einzige intelligente Verwendung dieser Begriffe ein, und die stammt von Donald Davidson. Aber diese Lektüre ist lange, lange her und nicht aus dem Stand zu mobilisieren und für diese Diskussion fruchtbar zu machen.

    Nur so viel aus meiner Sicht: Was Sie mit der Opposition absolut/objektiv versuchen, versuche ich meinen Studenten mit der Metapher der Perspektivität zu erklären. Letztlich geht es aber natürlich nicht nur um Blickwinkel, sondern auch um semantische Ebenen: um Deutungsrahmen bei der Interpretation von Phänomenen/Personen/Handlungen. Dass jede Interpretation in diesem Sinne ‘perspektivisch’ ist, stellt ihren ‘objektiven’ Geltungsanspruch ebenso wenig in Frage wie die Tatsache, dass ich mich mit ihr irren kann.

    in einem minimalistischen Sinn ist rational, wer das im Lichte seiner Überzeugungen angemessene tut, um die Erfüllung seiner Wünsche zu befördern. Werte geben den individuellen Wünschen einer Person eine Art soziokultureller Einordnung und Orientierung und machen sie damit diskussions- und abstimmungsfähig. Geteilte Werte sind so die Basis jedes handlungssteuernden Argumentationsprozesses.

    Überzeugungen sind zwar psychologische, aber nicht in Ihrem (Monnerjahn’schen) Sinne ‘subjektive’ Zustände (oder vielleicht besser: Zustandsrelata) einer Person, denn sie erheben Wahrheitsanspruch und sind somit semantisch evaluierbar und kritisierbar.

    Ich peile – auch für den Journalismus – einen werte- und/oder zielorientierten Diskurs an. Manchmal sind Ziele flexibler als Werte, wenn es um Allianzen geht, manchmal ist es umgekehrt.

    1. Lorenz Lorenz-Meyer says:

      Vielleicht sollte ich ergänzen, dass ich hier den Begriff Überzeugungen in einem technischen Sinn verwende: Der Satz “Hans glaubt, dass Pi eine rationale Zahl ist.” beschreibt in diesem Sinn eine Überzeugung von Hans.

    2. PeterM says:

      Ich muß gestehen: Ich sehe den Bezug zu meinem Text noch nicht. Könntest Du an einem kon­kreten Zitat darstellen, was Du als das Problem der Kategorien subjektiv/objektiv hältst?

      Eine kurze Replik auf den Teil, den ich vage zu verstehen hoffe: Wenn ich eine Überzeugung als subjektiv bezeichne, dann deswegen weil sie (noch) nicht in eine sprachliche Form ge­bracht wurde, die ihre rationale Diskussion erlauben würde. Zum Beispiel: „In meiner Straße sollte es mehr Parkplätze geben, weil ich nie einen finde“ bezieht sich rein auf persönliche Präferenzen, die als solche für die Diskussion einer Frage von öffentlichem Belang nicht rele­vant sind. Wollte man das objektivierbar machen, könnte man z. B. sagen: „In meiner Straße sollte es mehr Parkplätze geben, weil der Parkplatzsuchverkehr eine starke Belastung für die Anwohner ist.“ Dann kann man sich darüber unterhalten, was eine unzumutbare Belastung ist und muß sich dafür auf Werte, Grundsätze Fakten etc. beziehen, die einen Anspruch auf Allge­meingültigkeit stellen können.

      Letzteres heißt nicht, daß sie irgendwie absolut gültig seien (und schon gar nicht, daß irgend­ein Einzelner oder irgendeine Gruppe privilegierten Zugang zu einer solchen absoluten Wahr­heit hätte), sondern nur, daß sie überhaupt geeignet sind. Ein Beispiel: T sagt: „Es ist gerecht­fertigt, unkeuschen Frauen Säure ins Gesicht zu werfen, weil Gott das so will“ bezieht sich in dem Sinne auf eine subjektive Kategorie, als der angebliche Wille Gottes etwas ist, das nur T zugänglich ist – genauso wie Offenbarungen, Intuitionen etc. Wenn ich eine moralische Aus­sage treffen will, muß sie Gültigkeit für andere beanspruchen können; sonst rede ich nur über persönliche Präferenzen. Und die Gültigkeit kann sie nur beanspruchen, wenn sie auf objek­tive (also zumindest inter-subjektiv diskutierbare) Werte, Grundannahmen und Fakten Bezug nimmt.

      Hilft das, meinen Punkt besser zu verstehen?

  4. martin lindner says:

    ausnahmsweise will ich hier mal nur meine zustimmung ausdrücklich hinterlassen. das klingt jetzt wie kommentar-spam, ist aber keiner 😉

    um mich davon abzuheben: ich habe deine #popper-obsession nie recht verstanden. meine lang zurück­liegenden popper-lektüre-versuche waren immer daran gescheitert, dass ich das als trivial empfand: ja, klar, falsifizieren. was denn sonst? (das war ja das ethos des wissenschaftlichen arbeitens.)

    hier habe ich nun kurz kapiert, wie popper helfen kann, um mit enervierender insistenz an jeder einzelnen stelle im wirren öffentlichen diskurs die nötigen kritisch-objektiven unterscheidungen einzufordern. völlig zu recht, finde ich.

    (meine popper-skepsis hat noch eine andere wurzel: die ideologische rolle, die popper als säulenheiliger ab den 1950er spielte, für die konstruktion der “skeptischen”, angeblich “ideologiefreien”, aber natürlich massiv herrschaftsstrukturen verschleiernden ideologie der wirtschaftswunder-technokratie. helmut schmidt hat sich immer auf ihn berufen, wenn ich mich dunstig erinnere, und helmut schmidts lebenslange freund­schaft zum benevolent dictator in singapur ist ja kein zufall. er hat ein problem mit lebendiger, kritischer, machtstrukturen in frage stellender demokratie.)

    1. PeterM says:

      Yay! Wir haben gerade das Internet gewonnen! 🙂

      Laß mich auf diesen Erfolg einfach kurz den ollen Popper zitieren: „A discussion which you win but which fails to help you to change or to clarify your mind at least a little should be regarded as a sheer loss.“

      Was seine Säulenheiligkeit und die Anbiederung der politischen Klasse in den 70ern: Da hast Du im Prinzip recht – auch wenn man natürlich hinzufügen müßte, daß gerade Popper immer mehr als ausdrücklich darauf hingewiesen hat, daß es keine ideologiefreien (in seiner Termi­nologie: theoriefreien) Beobachtungen, Diskussionen etc. geben kann. Aber er wurde ja leider nur sehr selten wirklich aufmerksam gelesen – was auch für die vorherrschenden naiven Vor­stellungen von Falsifizierbarkeit gilt, selbst bei jemandem wie Thomas Kuhn.

  5. Brynja says:

    Wie in der Twitter-Diskussion schon gesagt, mag ich das Ergebnis des Gedankens, also dass Journalismus Haltung haben darf. Ich dachte, ich würde dir auch auf dem Weg folgen können, auf dem du das begrün­dest. Aber die Vehemenz, mit der du dich von der Sicht von Lorenz Lorenz-Meyer abgrenzt, sagt mir, dass ich das wohl doch nicht kann.

    Also, was ich verstehe ist: Du willst nicht, dass Werte so was Nicht-diskutierbares, Gesetztes sind wie “weil Gott das so will”. Es darf aber auch nicht aus der Summe persönlicher Präferenzen der Einzelnen kommen. Im Grunde genommen bin ich da bei dir. Ich find auch, es darf ein bisschen Theorie um die Summe der Präferenzen herum geben, aber eben keine mit absolut gültigem Anspruch.

    Jetzt kommt aber das Schwierige: Ich meine zu verstehen, dass du den moralischen Relativismus ablehnst, zu dem das führen könnte. Dem postmodernen Anything goes und jede Kultur hat halt ihre Regeln, etc… Und ich verstehe die Einführung von “objektiver Moral” als einen der Versuch dieses Dilemma zu lösen. Oder?

    Ich versteh dich jedenfalls so, dass du einen Kunstgriff machst um moralischen Relativismus verhindern willst, aber ohne Werte auszurufen, die absolute Gültigkeit beanspruchen. Und ich denke, das geht halt nicht. Es schließt sich gegenseitig aus. Deswegen hab ich gesagt, das sei eine Scheinlösung.

    Ich glaube, mich hat das angesprochen, weil es für mich auch keine absoluten Werte gibt. Aber es gibt keinen Ausweg aus dem Relativismus als dem, sich halt für Werte zu entscheiden bzw. sich aus dem Haufen von Werten, mit dem man sozialisiert wurde und die sich ja z.T. auch widersprechen, ein möglichst konsistentes Ganzes zu formen. Aber das scheint dir zu subjektiv, wenn du fragst: Woher kommen denn Werte?

    Wenn mit der Objektivität, die du anstrebst, nur der Prozess des Sich-Klar-Machens gemeint wäre, mit dem man diesen wirren Haufen in eine Form bringt, in der man sich mit anderen darüber unterhalten kann, dann wär ich ja voll dabei. Aber ich denke inzwischen zu verstehen, dass du da etwas Anderes damit meinst. Und ich vermute, dass du versuchst, Werte irgendwie zu “naturalisieren”, auch wenn du das von dir weist. Du willst sie aus dem Moralischen rausnehmen und zu etwas Naturgesetzlichem machen. Zu etwas mehr Faktischen. So verstehe ich das jedenfalls und das ist für mich ein verbotener Übergang. Eben wie der naturalistischer bzw. hier wohl eher moralistischen Fehlschluss.

    Du meintest ja, dass diese Trennung nur wichtig wäre, wenn man an Induktion glaubt. Ich werte das als Hinweis darauf, dass an meiner Vermutung was dran ist. Denn nicht an Induktion zu glauben, ist das nicht gleichbedeutend damit, dass man Theorien/Gedankengebäude für etwas “Natürliches” hält? Etwas, das nicht durch Induktion gebildet wird, sondern irgendwie schon vorher da ist? Oder wie kommen Hypothesen/Theorien sonst zustande, wenn man nicht durch Induktion aus Beobachtungen versucht Allgemeines zu formulieren?

    1. PeterM says:

      Danke für die Rückmeldung! Die Fragen sind durchaus berechtigt, und ich versuche mal, die Antworten klarer herauszuarbeiten.

      Was Deinen Bezug zum sogenannten is–ought problem angeht: Dieses Problem tritt nur dann auf, wenn man das Prinzip der zureichenden Begründung vertritt, also Positionen nur dann als rational akzeptiert, wenn sie gerechtfertigt sind. Das fatale Problem dieses Rechtfertigungs­denkens: das Münchhausen-Trilemma. Gibt man dieses Denken aber zugunsten dessen auf, was nach Popper „Kritischer Rationalismus“ heißt, dann verschwindet das Problem, weil kein (induktiver) Schluß von Fakten etc. auf generelle Aussagen auch nur versucht wird.

      (Hume, auf den das is–ought problem zurückgeht, hat das nunmal auch im Zusammenhang mit Induktion gesehen, die er zutreffend als unmöglich erkannt hatte. Er hatte bloß keine Lösung für das Problem, wie ohne Induktion Wissen zustandekommen könne, und hat sich in eine psy­chologische Pseudolösung geflüchtet. Einen ernsthaften Lösungsvorschlag hatte erst Popper zu bieten.)

      Was noch wichtig ist: Relativismus ist nicht das Problem; alles Wissen, das wir haben, ist relativ zu bestimmten Werten/Zielen und Grundannahmen. Das Problem ist Subjektivismus – wie ich in dem Artikel zu objektiver Moral darzulegen versuchte. Dadurch bin ich weit entfernt davon, Werte als Fakten zu bezeichnen (bzw. als auf Fakten reduzierbar, wie das z. B. Sam Harris tut – m. E. weil er das nicht gut genug durchdacht hat).

  6. Brynja says:

    Ich stimme zu, dass Induktion selbst noch kein Wissen hervorbringt. Aber ich stimme nicht zu, wenn daraus geschlossen wird, dass Induktion unnütz ist. Denn es bringt doch die Hypothesen hervor, die dann getestet werden. Da bist du nicht so richtig drauf eingegangen, finde ich. Und für Popper scheint das ja auch eine immens heilige Kuh gewesen zu sein.

    Aber Hypothesen materialisieren ja nicht ohne Voraussetzung. Und für mich ist ganz klar, dass sie aus Beobachtungen entstehen und demnach induktiv sind. Das ist doch in der Forschung und im Alltag das kreative Element schlechthin, um neue Denk- und Handlungsmöglichkeiten zu erzeugen. Möglichkeiten wohlgemerkt, noch kein gesichertes Wissen. Ob sie sich bewähren, muss tatsächlich deduktiv ausprobiert werden. Aber ohne Induktion geht es auch nicht.

    Ich meine damit aber nichts, was zu diesem Rechtfertigungsdenken mit Zwang zur Letztbegründung führen würde. Das ist mir auch fremd. Ich brauch das nicht. Von daher bin ich da beim Kritischen Rationalismus, denke ich. Man kann auch einfach irgendwo anfangen und sich durch Versuch und Irrtum weiterhangeln. Ich seh das wie bei geschichtlichen Fragen. Ich brauch z.B. keinerlei Wissen über den Anfang des Lebens um gut begründete, durch Fakten gestützte Aussagen über einen späteren Zeitraum der Evolution treffen zu können.

    Aber ehrlich gesagt verstehe ich die ganze Verbindung nicht, also warum man das is-ought-Problem nicht hat, wenn man meint auf Induktion verzichten zu können.

    Und dein Vorschlag Moral aus dem Subjektiven zu lösen, trägt für mich nicht weit. In dem Objective morality-Artikel bringst du nur Beispiele, die für mich nur aussagen: Es ist auch aus rationalen Gründen vernünftig überhaupt gemeinsame Regeln zu haben. Und: Wir müssen gucken, dass wir Regeln haben, die nur solche Konsequenzen haben, die wir auch rational wollen können.

    Tut mir leid, aber das ist für mich keine neue Grundlage von Moral, sondern nur eine Beschreibung der Tatsache, dass moderne westliche Gesellschaften den Geltungsbereich von Moral so weit wie möglich reduziert haben. Und das ist auch gut so. Die schlimmsten Dinge passieren, weil Menschen versuchen, die in ihren Augen notwendige, moralische Ordnung der Welt wiederherzustellen.

    Aber das Zurückdrängen von Moral und das Höherbewerten der Ratio bedeutet nicht, dass du moralisches Urteilen dadurch selbst irgendwie objektiver machen könntest. Das sehe ich nicht.

    1. PeterM says:

      Natürlich können Hypothesen durch Beobachtungen angestoßen werden, und man kann das, wenn man nun unbedingt will, auch „Induktion“ nennen – aber mit dem logischen Schluß­prinzip, das unter diesem Namen bekannt ist, hat das nichts zu tun.

      Und nicht nur wegen dieser Verwechslungsgefahr – der ja auch Du aufgesessen bist – ist es nicht sinnvoll, für das, was Du über die Genese von Hypothesen sagst, den Begriff „Induktion“ zu verwenden. Zwei Fälle: a) Die Beobachtungen sind nicht mehr als ein Anstoß, um eine Idee zu entwickeln – dann sagt „die B. haben mich auf eine Idee gebracht“ dasselbe aus, und dafür einen anderen Begriff zu verwenden, hilft niemandem; b) es ist tatsächlich eine Idee nach dem Muster „hm, vielleicht ist das gerade Beobachtete ja immer so“ – aber dann handelt es sich um eine Vermutung über empirische Phänomene, Wissenschaft sucht aber nach theoretischen Rahmenwerken, die bestimmte Phänomene erklären. Und Erklärungen lassen sich nicht aus Beobachtungen ableiten.

      Ergo: Man kann sich durchaus einbilden, daß man Induktion verwendet, oder man kann ein­fach das, was man eh tut, Induktion nennen – aber beides heißt nicht, daß tatsächlich etwas passiert, dessen Benennung mit diesem Begriff irgendwie hilfreich wäre.

      Was das is-ought-Problem angeht: Ein Schluß von (einer bestimmten Anzahl an) Beobach­tungen auf eine generelle Aussage ist die Definition von Induktion. Und genau das ist es, was Hume als das Problem ansieht: daß Induktion nun einmal unmöglich ist und daß deshalb ein (direkter!) Schluß von is auf ought nicht gültig sein kann. Da wir aber nirgendwo auf dem Weg zu Wissen oder zu ethischen Grundsätzen Induktion benutzen, ist das is-ought-Problem ein Pseudo-Problem.

      Was das Thema Moral angeht, sehe ich ehrlich gesagt nicht, wie das von Dir Gesagte meinen Text wiedergibt. Es würde sehr helfen, wenn Du Dich auf konkrete Zitate beziehen würdest und nicht nur auf Deine eigenen Paraphrasen – die, soweit ich das verstehe, an meinen Punkten komplett vorbeigehen. Ein Beispiel: Die Formulierung „die in ihren Augen notwendige, mora­lische Ordnung“ bezieht sich auf eine rein subjektive Auffassung von Moral. Was in den Augen eines Individuums notwendig ist, ist nichts anderes als der Ausdruck der persönlichen Prä­ferenzen dieses Individuums. Genauso könnte man die Formulierung „was in meinen Augen richtig ist“ als eine Aussage über „Wissen“ ansehen – in beiden Fällen werden diese Formulie­rungen aber entscheidenden Konnotationen der Begriffe „Moral“ bzw. „Wissen“ nicht gerecht, nämlich der Unabhängigkeit von subjektiven Präferenzen, Vorurteilen etc.

  7. Brynja says:

    Ok, sorry, ich habe gerade gelernt, dass das, was ich mit “Induktion in der Hypothesenbildung” meinte, einen eigenen Fachbegriff hat: Abduktion. Und dass das Konzept auf Peirce zurückgeht. Bei dem erscheint mir auch sinnvoll, dass seine Wissenschaftstheorie den ganzen Prozess des Forschens versucht abzubilden. Verstehe jetzt erst, dass du das als Popper-Anhänger als irreführend einschätzt, weil für euch allein die innere Logik der Ergebnisse zählt, also der wissenschaftlichen Erklärungen, die in dem Prozess gewonnen werden. Aber das ist mir – wie soll ich sagen? – zu idealisiert? (vielleicht auch wieder die falsche Vokabel…?)

    Klar, versucht Wissenschaft in Sachen Kausalerklärungen und in der Biologie vor allem ja auch Funktionalerklärungen immer weiterzukommen. Aber in dem Prozess wird manchmal ja jahrhundertelang mit Wissen hantiert und gearbeitet, was “nur” durch tausendfache Beobachtung gezeigt hat, dass alle XY bisher immer die Eigenschaft AB hatten. Natürlich ist es die Erfüllung, wenn man dann endlich eine Technologie hat um rauszufinden, wie die Mechanik hinter der beobachteten Regelhaftigkeit ist. Aber auch bis dahin ist dieses Wissen um diese Regelhaftigkeit nützlich und auch Teil der Wissenschaft. Ich weiß also nicht, ob eine Wissenschaftstheorie, die das so streng ausklammert, dass sie noch nicht mal meint Worte dafür haben zu müssen, wirklich nützlich ist…

    Und was das Konzept der “objektiven Moral” angeht: ich paraphrasiere so viel, was ich meine verstanden zu haben, weil das die Art ist, wie ich im Gespräch überprüfe, ob ich verstanden habe, was ein Anderer mir erzählt hat. Aber ich wechsel die Strategie. Lass uns doch ein Beispiel nehmen wie das der Frau, der Säure ins Gesicht geschüttet wird. Da sagst du:

    .

    Da hätte ich mich gefreut, wenn du dieses Beispiel ausführlicher aufgedröselt gewesen hättest, also ganz konkret wie das Nachdenken und Schreiben darüber aussieht, wenn man es in diesem Fall in deinem Sinne auf eine “subjektive” bzw. auf eine “objektive” Art macht. Das ist mir immer noch unklar geblieben. In dem harmlosen Beispiel hier in den Kommentaren mit den mangelnden Parkmöglichkeiten in einer Straße kam mir die Gegenüberstellung von subj/obj Argumentation nur wie eine rein sprachliche Umformulierung vor. Aber das kann es ja kaum sein, was du meinst. Sonst hättest du nicht so vehement reagiert.

    1. PeterM says:

      Ok, sorry, ich habe gerade gelernt, dass das, was ich mit “Induktion in der Hypothesenbildung” meinte, einen eigenen Fachbegriff hat: Abduktion.

      Das ist so weit richtig. Allerdings hat auch das mit Induktion nichts zu tun – oder freundlicher gesagt: Man kann alles „Induktion“ nennen, was man will, aber wenn das dann nichts weiter aussagt als „Ich habe mich von gewissen angenommenen Fakten zu einer Vermutung inspi­rieren lassen“, dann ist das reines Wortgeklingel.

      Du hast insoweit recht, als daß die Genese von Theorien nach Popper für irrelevant gehalten wird. (Ich habe auch noch nie auch nur ein von der Form her als solches erkennbares Argu­ment gesehen, das das in Frage gestellt hätte) Was hingegen sehr wohl relevant ist, ist, was für Eigenschaften diese Theorien haben. Die Anforderungen an die Eigenschaften einer Theorie sind alles, was man braucht; eine Betrachtung der Genese bzw. der Quelle einer Theorie spielt dafür keine Rolle.

      die Mechanik hinter der beobachteten Regelhaftigkeit

      Eine Regelhaftigkeit kann man nicht beobachten. Man kann einzelne Phänomene beobachten – jegliche Regel ist aber notwendigerweise eine Vermutung, die per Definition über jede end­liche Anzahl von Beobachtungen hinausgeht.

      Was das Säure-Beispiel angeht: Die entscheidende Frage ist doch, welche objektiven Kate­gorien es geben könnte, deren Benutzung es einem erlaubt zu sagen, daß der Säurewerfer moralisch Verwerfliches tut. Die Gegenposition ist ja: Wenn der Säurewerfer sagt, a) seine Religion schreibe ihm das halt vor, b) manche Dinge seien einfach intuitiv unmoralisch, und dazu gehöre nun mal eine unverhüllte Frau oder c) er tue der Frau damit einen Gefallen, weil sie dann noch eine Chance habe, ins Paradies zu kommen – dann könne man darauf leider nichts erwidern, weil man ihn nicht zwingen könne, „unsere“ Moral anzuerkennen, und er genauso ein Recht auf „seine“ Moral habe wie wir auf „unsere“.

      Das Problem mit dieser Gegenposition ist: jede der dort benutzten Kategorien ist rein subjektiv, insofern als sie sich auf Geisteszustände des Säurewerfers bezieht. a) ist äquivalent zu „Mein Gott hat mir befohlen, X zu tun“, was als Offenbarung per Definition keinem kritischen Test zugänglich ist, sondern ein reiner Geisteszustand; außerdem wäre „Moral“ dann gleich­bedeutend mit „Gehorsam“ – unter „Moral“ verstehen wir aber üblicherweise etwas sehr anderes (und zumindest deutlich mehr) als bloß Gehorsam. b) Die Idee moralischer Intuitionen ist die Mutter aller subjektivistischer Ansichten, da „Intuition“ auf nicht anderes hinausläuft als „Ich glaube X“ oder „Ich finde X gut“. c) Es ist mir natürlich immer möglich, alles nur Denkbare kraft meiner Wassersuppe für „gut“ zu erklären – ob es ein säurezerfressenes Gesicht ist (Taliban), lebensbedrohende Armut („Mutter Teresa“) oder das Vom-Dach-Stoßen Schwuler aus reiner Nächstenliebe (ISIS). Bloß ist dann das Ziel von Moral etwas, das seinerseits der völligen subjektiven Beliebigkeit anheimfällt.

      Eine objektive Moral würde im Gegensatz dazu z. B. fragen: „Wird durch diese Handlung je­mandes Freiheit unzulässig beschränkt? Und wie ließe sich das unabhängig nachvollziehen bzw. überprüfen, daß das so ist?“ Dafür müßte man sich darüber einig werden, was man unter „Freiheit“ versteht, aber das ist prinzipiell möglich. (Siehe z. B. Dennetts Freedom Evolves) Zulässig ist Freiheitsbeschränkung im Prinzip nur dann, wenn sie zur Verteidigung derselben Freiheit nötig ist. (Siehe Poppers „Paradox der Freiheit“) Und nachvollziehbar ist eine solche Beurteilung, wenn sie öffentlich kritisierbar ist und auf unabhängig überprüfbare Fakten, Argu­mente etc. Bezug nimmt – verallgemeinert: wenn sie durch einen kritischen Prozeß zustande­gekommen ist. (Siehe dazu JS Mill)

  8. Brynja says:

    Auch du kommst aus der Subjektivität nicht raus. Denn woher ziehst du es, gerade die Freiheit als höchsten Wert einzusetzen? Wir sind zwar durchaus in einem Team, was diese Priorität angeht – jedoch mit dem Unterschied, dass ich es als intellektuelle Arroganz einstufe, wenn du meinst, unsere Prioritätensetzung in Sachen Moral beruhe auf objektiveren Gründen als die der Anderen.

    Ganz abgesehen mal davon, dass das, was wir unter Freiheit verstehen ganz unterschiedliche Dinge sein können, je nachdem, ob wir eher konservativen, linken oder liberalen Denkern folgen. Das politische Weltbild entscheidet auch, welche Einschränkungen von Freiheit wir als zulässig ansehen und welche nicht. Es entscheidet, welche Erwartungen wir damit verknüpfen, was Menschen mit dieser Freiheit anfangen usw. Am treffendsten formuliert das Jonathan Haidt, finde ich (z.B. in diesem Vortragsvideo: https://www.youtube.com/watch?feature=youtu.be&v=b86dzTFJbkc).

    Außerdem richten Menschen nicht nur im Namen von Gott oder von einer menschenverachtenden Ideologie entsetzliche Blutbäder an. Sie tun das auch im Namen der Freiheit. Weil das eben auch eine moralische Kategorie ist. Der gemeinsame Nenner ist: Wenn Menschen sich durch andere Werte stark in ihren eignen bedroht sehen, legitimieren sie auch Gewalt um sie zu verteidigen. Bzw. wenn sie einen Feind sehen, dessen Bosartigkeit allein sie davon abhält nach ihren eigenen Regeln leben zu können, dann werden sie dafür auch mit Gewalt kämpfen.

    Moral ist allgemein der wichtigste Grund für Gewalt überhaupt, wie Nussbaum und Power sehr überzeugend darlegen, wie ich finde: http://www.theguardian.com/science/head-quarters/2015/feb/28/can-violence-be-moral
    Und man muss dem ins Auge sehen, dass das auch für die eigene Moral gilt. Selbst wenn wir unsere Moral nicht als absolut ansehen, sondern “nur” als objektiver begründet, dient das nicht auch nur der Rechtfertigung Andere mit anderen Werten mit viel besserem Gewissen zu bekämpfen?

    1. PeterM says:

      Auch du kommst aus der Subjektivität nicht raus.

      Wenn Du das so auf der persönlichen Ebene verortest, dann wäre das natürlich unmöglich. Mein Begriff von Objektivität hat aber mit der persönlichen Ebene nichts zu tun, da er sich auf einen kritischen Prozeß bezieht. Und auch die Entscheidung z. B. für eine bestimmte Definition von Freiheit als höchsten Wert entspringt einem solchen kritischen Prozeß und ist ihm auch nach einer solchen Entscheidung weiterhin unterworfen. Genau der Beschreibung dieses Prozesses wegen hatte ich Mill zitiert. Das erklärt auch, warum das mit Arroganz nichts zu tun hat – denn auch der Vorwurf der Arroganz setzt voraus, daß Du eine subjektive (und damit inkohärente) Definition von „Objektivität“ benutzt.

      Ganz abgesehen mal davon, dass das, was wir unter Freiheit verstehen ganz unterschiedliche Dinge sein können

      Äh, ja, wie ich in dem Kommentar, auf den Du damit antwortest, bereits (re Induktion) sagte: Man kann alles „Freiheit“ nennen, was man will. Aber nicht jeder solcher Begriffe ist dann noch konsistent oder sonstwie brauchbar. Und genau aus diesem Grund habe ich auf Dennetts Buch verwiesen, das einen konsistenten und sehr weit tragfähigen Begriff der „Freiheit“ entwickelt. Ganz ohne daß Du Dich auf diese Dinge, auf die ich verweise beziehst, geht es leider auch nicht. Und so richtig das (deskriptiv) ist, was Haidt da sagt, ist es für unsere Frage an dieser Stelle irrelevant, weil es gerade darum geht, einen konsistenten Begriff zu finden, der einen Anspruch auf Allgemeingültigkeit erheben kann. (Was, nochmal, nicht heißt, daß er absolut gültig wäre oder jeder auf ihn verpflichtet werden könnten, sondern daß er einem kritischen Prozeß entspringt und diesem zugänglich bleibt.)

      Außerdem richten Menschen nicht nur im Namen von Gott oder von einer menschenverachtenden Ideologie entsetzliche Blutbäder an. Sie tun das auch im Namen der Freiheit.

      Das ist ein Denkfehler. Sie tun es im Namen von etwas, das sie „Freiheit“ nennen. Es wäre jetzt erstmal Deine Aufgabe herauszufinden, inwieweit die Dinge, die dort mit demselben Namen bezeichnet werden, überhaupt vergleichbar sind.

      In jedem Fall gibt es natürlich Definitionen von Freiheit, auf die sich keine menschenverach­tende Ideologie erfolgreich berufen könnte.

      Derselbe Denkfehler ist im letzten Absatz drin: Natürlich berufen sich so gut wie alle Gewalt­täter auf etwas, das sie „moralische Gründe“ nennen. Nur ist doch nun genau das unser Thema hier: die Unterscheidung zwischen einem subjektiven (und daduch u. a. inkonsistenten) Begriff von „Moral“ und einem objektiven. Du wirfst weiterhin alles in einen Topf und behauptest, alle Einwände gegen subjektive Moralauffassungen müßten auch gegen objektive gültig sein. Und das ist offensichtlich falsch.

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