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Oct
22

Rückzugsgefechte des Autoritarismus in der Schule

(Erschienen im „Neuen Deutschland“ am 19.10. unter dem Titel „Dein Freund, der Lehrer?“)

In Deutschland dreht sich jede Bildungsdebatte im Grunde nur um Schulformen: Gymnasium oder Gesamt­schule, Vormittags- oder Ganztagsschule. Daß die Schulform aber fast komplett irrelevant dafür ist, wieviel Bildung bei den Schülern ankommt, wird selten einmal erwähnt.

In einem aufgeklärten Sinn – und für aufgeklärt halten wir uns hoffentlich – hat „Bildung“ in jedem Fall etwas damit zu tun, dass man unabhängiges Wissen erlangt und mit eigener Urteilsfähigkeit zur Lösung von Problemen einsetzen kann. Kaum wird aber einmal mehr eigenständiges Lernen und weniger Nürnberger Trichter angemahnt, erschallt schon ein Aufschrei – ironischerweise gerade aus sogenannten bildungs­bürgerlichen Kreisen. Im Moment schießt sich die reaktionäre Gegenbewegung auf erfolgreiche Autoren wie Richard David Precht und Gerald Hüther ein, die es doch tatsächlich wagen, die derzeitige Schule als „irreparabel krank“ zu bezeichnen.

In der „Zeit“ verleitet das Martin Spiewak gleich zu einer ganzen Reihe persönlicher Angriffe auf Hüther, der „weder ordentlicher Professor“ sei noch „auf eigene empirische Forschung zum Thema Schule verweisen“ könne. Daß das für Hüthers Argumente auch komplett irrelevant ist, fällt kaum auf. Angesichts der Hüther­schen Kritik an der momentanen Schulpraxis „müssten eigentlich alle Lehrer beleidigt aufschreien“.

Gegen welches gefährliche Gedankengut richtig sich dieser Aufschrei? Die „Botschaft von dem guten Kind und der bösen Gesellschaft mit ihren Zwangsanstalten“ zum Beispiel, oder „die Hoffnung, dass es doch eine andere Welt gibt. Eine Welt, in der die Schüler ganz von alleine einsehen, dass sie sich anstrengen müssen.“ Und daß „Lehrer nicht mehr Lehrer sind, sondern Coaches und, ja, Freunde.“ Das sind zwar alles keine Zitate, sondern Karikaturversuche, die sich in den Ohren der Empörten besonders lächerlich anhören, aber nehmen wir die Aussagen und ihren verächtlichen Ton einmal ernst.

Haben Schüler irgendwelche systematischen Möglichkeiten, auf die Unterrichtsinhalte Einfluss zu nehmen, oder müssen sie einfach schlucken, was ihnen vorgesetzt wird? Letzteres ist Zwang. Und was passiert, wenn jemand sich selbst ein Ziel setzt und praktisch erfährt, daß (und wie) sie es erreichen kann? Dann haben wir eine Welt, in der jemand einsieht, dass sie etwas Bestimmtes tun muss – eventuell sogar mit Anstrengung. Und darin kann man sie dann unterstützen – weil wir alle Unterstützung brauchen, und zwar, ja, von Freun­den. Als ob es verwerflich wäre, Schülern tatsächlich beim Lernen zu helfen und nicht nur eine austausch­bare Lehrperson zu sein. Wie Arthur C. Clarke einmal sagte: „Ein Lehrer, der von einer Maschine ersetzt werden könnte, sollte auch ersetzt werden.“

Und überhaupt seien diese „Bildungsrevoluzzer“ spinnerte Fantasten: „Die Bildungsprediger nähren alle die­selbe Illusion. Mit Verweis auf die Hirnforschung suggerieren sie: Kinder wollen lernen – aber die Schule hindert sie daran. Das Problem, dass englische Vokabeln oder der Dreisatz anders gelernt werden müssen als Krabbeln und Laufen, lösen die Bildungsgurus in pädagogischer Poesie auf. Für Hüther heißen die zentralen Metaphern ‚Begeisterung‘ und ‚Potenzialentfaltung‘. In jedem Vortrag kommen sie vor. Denn was man mit Begeisterung lerne, bleibe hängen, sei ‚Dünger fürs Hirn‘.“

Scharlatane seien das also, die nicht wissen, wovon sie reden. Als ob es nicht die alltägliche Regel sei, dass Fragen von Schülern mit dem Hinweis auf leider, leider wichtigeren Lehrplanstoff abgebügelt werden, auf ein „später“ verschoben werden, das seltsamerweise nie kommt, oder gleich als „dumm“ abgestempelt werden. Natürlich hindert die Schule tagtäglich Schüler daran, ernsthafte Fragen zu verfolgen, die sie interessieren. Tagtäglich vergeuden Lehrer lieber ihre und der Schüler Zeit damit, Pseudo-Probleme aus Lehrplänen und -büchern zu „behandeln“, an deren Lösungen sich nur wenige Wochen nach der Klausur niemand mehr erinnern kann, statt die Schüler selber Probleme finden zu lassen, die sie sich nicht nur zu eigen machen, sondern deren Lösungen für sie tatsächlich persönlich relevant sind – und die sie selbst gefunden haben. Begeisterung ist nicht nur Dünger fürs Hirn, sondern eben auch Pattex.

Und ein paar Worte mehr zu der unkritischen Behauptung – die in verschiedenen Formen immer wieder aufgestellt wird –, bestimmte, als sehr technisch-abstrakt empfundene Dinge könne man nicht so lehren, dass Spaß aufkommt. Beispiel Vokabeln: Wer noch nie eine Klasse gesehen hat, wie sie in 2er-Gruppen ein englisches Kreuzworträtsel zu lösen versucht und dabei lernt, Hilfsmittel wie Wörterbuch, Thesaurus und Internet zu benutzen, und komplette 45 Minuten ohne weiteren Ansporn von außen fast fieberhaft an dem Rätsel herumknobeln und versuchen, den spielerischen Wettbewerb zu gewinnen – der wüßte, daß Ein­fallslosigkeit in Bezug darauf, wie man etwas mit Motivation erreichen kann, ein Argument ist, das man eigentlich nur auslachen kann.

Ebenfalls im zitierten „Zeit“-Artikel: „Nur lässt sich eine Partizipialkonstruktion leider nicht so lehren, dass es ‚unter die Haut geht‘ (Hüther).“ Was für ein unfaßbarer Quatsch.

Partizipialkonstruktionen kann ich wie üblich einführen und sagen: Man kann (z. B. im Englischen) Sätze bilden, die statt kompletten Sätzen nur eine verkürzte Form mit einem Partizip benutzen, wie in „Exhausted, he dropped the hammer“. Man muß aber aufpassen, daß im Hauptsatzteil dann das Subjekt nicht falsch zugeordnet wird (durch das gefürchtete „dangling participle“), denn das ist ein Fehler, den wir natürlich auch sanktionieren müssen.

Oder ich zeige (besser noch: lasse Schüler in authentischem Material suchen) ein paar Sätze nach dem Schema „Smiling broadly, he rushed up to his wife and kissed her“ – und zeige dann ein paar andere: „Riding along on my bicycle, the dog knocked me over“ oder „Running to catch the bus, Bob’s wallet fell out of his pocket“. Wo ist das Problem mit diesen Sätzen – oder besser: Warum sind sie lustig? Wie kann man sie formulieren, damit klar wird, was in ihnen eigentlich passiert? Und nicht nur wird mit „Spaß“ (ha!) erklärt, was die Formulierung tut, sondern Schüler müssen auch noch selbst auseinanderdröseln, was je nach Situation zu einer Gefahr für das Verständnis werden kann.

Natürlich kann man da jetzt sagen: Dann ist der Lehrer ja gar kein Lehrer mehr, sondern nur noch jemand, der wie eine Hebamme danebensteht, während die Entbindenden die ganze Arbeit leisten. Kann man – wenn man ein durch und durch autoritäres Verständnis von „Lehrer“ und „Lernen“ voraussetzt. Und wenn man nicht die geringste Ahnung hat, was man als Lehrer erreichen kann. Und wenn man ein unfaßbar zynisches wie schlicht falsches Bild davon hat, wie unfähig in der Regel Schüler sind.

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