Nov
12

Noten sind der Feind von Bildung

Erschienen in der Tageszeitung „Neues Deutschland“ am 11.11.2011.

Etwa acht Jahre lang habe ich verschiedenste Studentengruppen im In- und Ausland unterrichtet. Ob kleine Gruppe oder Sprachkurs mit 40 Teilnehmern, ob Studienanfänger oder Doktoranden – erstaunlicherweise unterrichtet es sich in keiner Situation quasi „von selbst“, egal für wie fortgeschritten, erfahren oder gebildet man die Studenten auch halten mag. Im vergangenen Schuljahr konnte ich für ein paar Monate das ent­­gegengesetze Experiment machen: als Vertretungslehrer für angehende Abiturienten an einem Berliner Kolleg.

Das Kolleg führt Schüler zum Abitur, die in der Regel einen Realschulabschluss und eine Berufs­ausbildung haben; Kindererziehung oder mehrjährige Berufstätigkeit können auch als Zugangs­voraus­setzung akzeptiert werden. Das Publikum ist also sehr gemischt, muss aber immerhin eine gehörige Portion Durch­haltever­mögen mitbringen, um noch einmal drei Jahre Schule in Vollzeit und nach den allgemeinen Abitur­kriterien durchzustehen. Hier stellt sich die Frage: Sind da nicht viele Schüler dabei, die als Real- oder eventuell sogar Hauptschüler in den Augen des Schulsystems gar nicht geeignet sein dürften, das Abitur zu machen?

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Sep
23

Warum Faust? – Schule als Lernanstalt

Erschienen in „Neues Deutschland“ am 23.9.2011.

Beim Thema Bildung kann bekanntlich jeder mitreden. Jeder war einmal in einer Schule, also weiß auch jeder, wie Schule funktioniert. Alle Beteiligten haben ihre festen Rollen: Die Lehrer vermitteln, was ihnen von der Schulbehörde vorgegeben wird, und die Schüler nehmen den Stoff auf und geben ihn zu bestimmten Zeitpunkten wieder, um zu zeigen, wieviel des Gelehrten sie verinnerlicht haben. Der Dreh- und Angelpunkt ist dabei immer derselbe: In der Schule geht es darum, was gelehrt wird – die Schule ist schließlich eine Lehranstalt.

In den letzten Jahren ist insbesondere aus Richtung der Politik ein Aspekt hinzugetreten, der zwar eine gewisse Schizophrenie entstehen lässt, der aber – politikgerecht – in griffige Formeln passt: „lebenslanges Lernen“ und „lernen lernen“. Das klingt gut, und die Verantwortung dafür, diese Worte mit Inhalt zu füllen und sie dann auch umzusetzen, lässt sich umstandslos an die Schule delegieren. Deren Lehrer werden aber immer noch dazu ausgebildet zu wissen, wie man lehrt – und kaum, wie man lernt. Und deren Lehrpläne (welch verräterisches Wort) bedienen sich zwar der Formelsprache des Lernens, indem sie zu erreichende „Kompetenzen“ und ähnliches vorgeben, aber die heben sich dann in ihrer fast zwanghaften Detailliertheit auch nicht vom Rest des „Stoffs“ ab, den zu lehren der Plan vorgibt. Das Vorbild ist Fast Food: kaum Aus­wahl, genormte Inhalte, und man wird zwar kurz satt, kriegt aber hinterher Pickel.

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Aug
29

Sarrazin, Intelligenz und Einwanderung

In einem aktuellen Interview mit der „Zeit“ stellt Thilo Sarrazin denselben Fehler zur Schau, der schon vor einem Jahr sein Buch unbrauchbar gemacht hat: einen riesigen Mangel an Selbstkritik. Aus diesem aktuel­len Anlass hier ein Text, der zum Erscheinen des Buches entstanden ist.

An der hysterischen Reaktion auf Thilo Sarrazin gibt es drei Dinge zu beobachten, die mich nachdenklich machen. Keine davon werden in der öffentlichen Diskussion ernsthaft wahrgenommen. Zuerst ist da die zu­tiefst unfreiheitliche Tendenz, jemanden mundtot zu machen und gesellschaftlich zu ächten, der nichts Straf­bares, sondern nur etwas Dummes (nämlich fahrlässig nicht kritisch Hinterfragtes) gesagt hat. Zweitens die sich durch alle Schichten ziehende Ahnungslosigkeit von Intelligenz, Bildung und Vererbung. Drittens, dass sich die Politik mit Zähnen und Klauen dagegen wehrt, auch nur einen zusammenhängenden Gedanken zum Thema Einwanderung zu fassen.

Um keine Unklarheiten aufkommen zu lassen: Die beängstigende Einigkeit und Hysterie, in der Journalisten und Politiker Sarrazins Entlassung und Parteiausschluss fordern, machen dessen Ansichten nicht weniger (oder mehr) abstrus. Sarrazin hat zwar nicht das Recht, für seine Meinung „Respekt“ einzufordern oder dass sie ernstgenommen wird, aber er hat zweifellos das Recht, sie zu haben. Jegliche Repressalien, die über (auch sehr scharfe) Kritik an seiner Meinung hinausgehen, beschränken offensichtlich seine Meinungs­freiheit. Muss ich z.B. damit rechnen, entlassen zu werden, wenn ich sage, dass ich dicke Menschen, Eng­länder oder Schlagermusiker unsympathisch finde, habe ich de facto keine Meinungsfreiheit – ob mich das zu einem guten Menschen macht, ist eine berechtigte, aber davon unabhängige Frage.

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Aug
19

Bildungs-Bullshit-Bingo

Manchmal fragt man sich, ob es eigentlich noch andere Bereiche öffentlicher Diskussion gibt, über die täg­lich und offenbar kaum ohne Luft zu holen (geschweige denn nachzudenken) so viel Blödsinn erzählt wird wie über Bildung. Stellvertretend dafür dienen ein paar Artikel aus der „Zeit“ der letzten drei Tage.

In einem Interview mit dem Berliner Erziehungswissenschaftler Heinz-Elmar Tenorth („Bildung ist, was übrig bleibt“) wird über Lehrpläne gesprochen und was in ihnen stehen sollte, Robert Leicht schreibt über die Odenwaldschule, und ein kurzer Kommentar befaßt sich mit den Reformen an Berliner Schulen.

Letztere haben unter anderem auch jahrgangsübergreifendes Lernen an den Grundschulen mit sich ge­bracht – was gleich mal als Prügelknabe herhalten muß, um zu erklären, wieso viele Eltern ihre Kinder auf Privatschulen geben:

Viele Eltern zweifeln an der Qualität der Schulen – es ist ein Misstrauensvotum, dass jedes zehnte Kind eine private Einrichtung besucht. Wer erlebt, dass beim jahrgangsübergreifen­den Lernen die Kinder unfreiwillig zu Hilfslehrern gemacht werden, weil die versproche­nen Zusatzkräfte fehlen, kann den Unmut verstehen.

Der Unmut über mangelnde Mittel ist in der Tat verständlich, wenn die auch in Berlin nicht wirklich etwas Neues sind. Erstaunlich ist allerdings, daß noch nicht vielen aufgefallen ist, daß das jahrgangsübergreifende Lernen vor allem eine ganz offensichtliche Stärke hat: Es in einer Frage schon weiteren Schülern zu ermög­lichen, nicht nur anderen zu helfen (Gemeinschaftsbildung, in zweierlei Sinn), sondern das eigene Wissen dadurch zu stärken, daß sie es für andere noch einmal aus deren Perspektive aufbereiten müssen. Nicht umsonst sagt man, man kann erst sicher, was man auch anderen beibringen kann. Wer zum Hilfslehrer taugt, hat also offensichtlich sogar mehr gelernt als in bisherigen Schulformen – ein Zeichen für Qualität, wenn ich mich nicht irre.

Das Thema Odenwaldschule hat vorhersehbarerweise auch ein gern mißbrauchtes Schlagwort wieder auf die Tagesordnung gebracht: das von der angeblichen professionellen Distanz:

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Jul
15

Dreieinhalb Monate als Vertretungslehrer

Nach vielen Jahren Lehre mit Uni-Studenten und Beschäftigung mit Bildungsfragen hatte ich in diesem Jahr die Gelegenheit, die gesammelten Erfahrungen und Ideen an einer Berliner Schule zu testen. Als Ver­tretungslehrer für Politik, Geschichte, Englisch und Spanisch habe ich dreieinhalb Monate an einem Kolleg gearbeitet – quasi eine Vollzeit-Oberstufe für den zweiten Bildungsweg. Eine kurze Zeit, eine etwas beson­dere Schulart, aber ein paar Lehren kann man doch dafür daraus ziehen, was in Schule und Bildung anders werden muß.

Das Spektrum der Erfahrungen reicht dabei von angenehmen Überraschungen über seltsame Begeben­heiten bis zu Dingen, die mich wütend machen. Um Lesbarkeit und Kürze willen folgen drei einschlägige Beispiele für diese Erfahrungen.

The Good

Einer der ersten Eindrücke, die man von einer Gruppe bekommt, ist der einer bestimmten internen Hierar­chie: es gibt die „Streber“, die viele Antworten parat, aber keinen besonders guten Ruf haben; die „Zurück­haltenden“, die seltener in Erscheinung treten und wenn, dann meist mit vorsichtigen Fragen; und die „Hoffnungslosen“, die entweder nur ihre Unwissenheit zu Protokoll geben oder mit ihr kokettieren.

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Mar
04

Lehranstalt oder Lernanstalt?

» You can forget facts, but you cannot forget understanding. (Eric Mazur)

Frank Noschese hat auf seinem Blog einen interessanten Artikel über „pseudo-teaching“: Lehren, das kein Lernen erzeugt.

Professor Lewin is full of energy. He clearly loves physics, and he also loves sharing it with his students. His demonstrations were thrillling. His board work was impeccable. Lewin worked hard to make it look effortless—he ran through each lecture 3 times before presen­ting it to students.

Das Problem bei „pseudo-teaching“? Schüler kommen nicht vor, außer als passive Konsumenten, wie im Kino. Fakten werden „gelernt“, Stoff „durchgenommen”, Klausuren „bestanden“. Wollen wir überhaupt wis­sen, ob jemand etwas verstanden hat, also gelernt hat? Nicht jetzt, wir sind beschäftigt – in Richard Feyn­mans Worten: mit „Cargo Cult Education“.

Wie wir die richtige Spur wiederfinden? Die in Noscheses Blog verlinkten Videos und Artikeln bieten einige gute Ideen, sowohl konzeptioneller als auch praktischer Natur. Trotzdem kann ich mich der Frage nicht erwehren: Wie konnte jemals jemand denken, daß das, was der Lehrer tut, zählt – und nicht das, was in den Köpfen der Schüler passiert?

Anyone?

Feb
28

Lernen durch Qualitative Bewertung

Ein Blick in die Zeitung bietet jeden Montag verschiedene Bewertungen. Im Sportteil lesen wir über Fußballspieler: Neuer „1“, Podolski „4“. Der Torwart hat wohl seine Aufgabe sehr gut gemacht, vielleicht kein Tor zugelassen, und der Stürmer hat vermutlich keine Tore erzielt. Doch was hat der Torhüter wirklich getan? Hat er vielleicht doch einen Ball durchgelassen, aber sich sonst gegen eine starke gegnerische Mannschaft behauptet? Hat der Stürmer wirklich gar kein Tor erzielt oder hat er zwar getroffen, aber sonst keinen Teamgeist bewiesen? Es braucht also mehr Differenzierung, um mehr über das Spiel zu erfahren und damit auch auf beiden Seiten etwas zu lernen. Ein Fußballspiel ist schon durch die vielen Beteiligten und den verschiedenen Regeln sehr komplex und dauert dazu mindestens 90 Minuten. Dadurch ergibt sich eine Mehrdimensionalität, die von einer eindimensionalen Bewertung nicht erfasst werden kann.

Allerdings werden heute genau so in den meisten Bildungseinrichtungen Lernprozesse bewertet. Persönliche Entwicklung, Talent und andere Voraussetzungen werden selten berücksichtigt. Es wird lieber nach leicht messbaren eindimensionalen Standards bewertet. Das führt zu einer Gesellschaft, in der es wichtiger ist, die bestmögliche Note zu bekommen und diesem Ziel alles andere unterzuordnen. Tiefgründiges Nachdenken oder Lösungswege erforschen werden selten belohnt. Schüler tun nur noch das, was nötig ist, um bei einem Test gut abzuschneiden. „[T]hey are adapting to an environment where good grades, not intellectual exploration, are what count.“ (Kohn, „From Degrading to De-Grading“) Dabei gibt es verschiedene nachgewiesene „Nebenwirkungen“. Das Interesse am Gelernten bleibt gering, da es nur Mittel zum Zweck ist. Es handelt sich bei dem Gelernten um kurzlebiges Wissen, das meist den nächsten Leistungserfassungsprozess nicht überdauert. Außerdem gibt es einen größeren Hang zum Betrügen, um ohne großen Aufwand das eigentliche Ziel – eine gute Note – zu erreichen. Kreativität verkümmert, weil kaum eigenständiges, tiefes Nachdenken oder intensives Auseinandersetzen mit einem Problem gefordert wird, eher sogar nur Problemlösungswege auswendig gelernt werden.

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Feb
25

Wofür brauchen wir eigentlich Lehrer?

» A teacher that can be replaced by a machine should be. (Arthur C. Clarke)

Als erste, nur kurze Provokation möchte ich diesen TED-Vortrag in den Ring werfen. Eine zentrale Frage, die Sugata Mitra hier aufwirft, ist ganz einfach: Für welche Dinge brauchen wir eigentlich Lehrer? Oder um den Spieß umzudrehen: Was können Schüler eigentlich von selbst lernen, wenn man sie nur läßt?

Mitra, der im Moment in Newcastle forscht, stellt hier einige seiner Projekte aus Indien vor, die schon so einige Vorurteile ins Wanken bringen. Ich würde die etwas weitergehende Frage anschließen: Machen wir uns eigentlich genug Gedanken darüber, wie wir verschiedene Lernphasen (z.B. Präsenzzeit mit Lehrer; in einer Gruppe Schüler; allein oder nur mit Medien) am effektivsten nutzen? Ich bin gespannt auf ein paar Ideen! 🙂

Feb
24

I now declare this bazaar open, and so forth…

Herzlich willkommen auf dem Bildungsbasar!

Dieses Blog soll dem ungezwungenen Austausch von Ideen zu Bildung, Lehren und Lernen dienen – und dabei ein bißchen schreiben üben kann sicher auch nicht schaden. Meine Vorstellung wäre erst einmal eine relativ lockere, halbwegs geschlossene Gruppe von Leuten zu rekrutieren, die sich hier mal ein bißchen ausprobieren wollen.

Anmelden kann sich jeder, um den Zugang möglichst offen zu lassen – so kann man auch schnell mal an einen Freund/Kollegin die URL weitergeben und die können sich hier direkt anmelden. Die Standardrechte eines neuen Benutzers sind allerdings erstmal so gesetzt, daß man nicht eigene Artikel veröffentlichen kann. Wer das möchte, schreibt schnell eine Nachricht an mich (Peter.Monnerjahn[at]web.de).

So, und jetzt viel Spaß! 🙂

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